Angewandte Systemwissenschaften in der Stadt- und Gemeindeentwicklung

Eine Stadt oder Gemeinde bzw. eine Kommune verstehe ich als anpassungsfähiges selbstorganisiertes komplexes dynamisches System. Ein anpassungsfähiges komplexes System ist ein offenes System, das aus zahlreichen Einzelelementen besteht, die nicht linear durch Wechselwirkungen miteinander verbunden sind und eine einzige, organisierte und dynamische Einheit bilden, die fähig ist, sich zu entwickeln und an die Umwelt anzupassen. Nicht linear bedeutet, dass, auch wenn sich der Input regelmäßig verändert, der Output sich unregelmäßig und nicht proportional zur Veränderung des Input verhalten kann. D.h. es verändert sich im Laufe der Zeit dynamisch. In einem komplexen System sind die Beziehungen zwischen den Elementen wichtiger als die Merkmale und Eigenschaften der Elemente selber. Bei komplexen Systemen (mit nicht linearen Zusammenhängen, Speichereffekten, Rückkoppelungen usw.), wie etwa einer Stadt bzw. Kommune, ist eine Einschätzung der möglichen Entwicklungen mit Hilfe eines verhaltenserklärenden, strukturgültigen, computerisierten Simulationsmodells möglich. Dazu werden die tatsächlichen Wirkungszusammenhänge erfasst und die ablaufenden Prozesse beschreiben. So können die Problemursachen und Synergien erkannt werden. Das ist allerdings ein mühseliges arbeitsaufwändiges und intellektuell forderndes Geschäft. Hinzu kommt das fortwährende Einarbeiten aller neuen wissenschaftlichen Forschungsarbeiten. Mit dem zunehmenden Erkenntnisgewinn wird es dann immer unübersichtlicher. Eine probate Möglichkeit, diese Komplexität erfassen zu können, besteht in der Computersimulation. Ausgang für jede Simulation ist die Formulierung eines Modells der zu betrachtenden Wirklichkeit. Diese Modelle werden zunächst verbal umschrieben, dann in mathematische Regeln gefasst und in eine Programmiersprache übersetzt. Anschließend wird die Gültigkeit des Modells anhand der bisherigen Entwicklung überprüft. Mit der strukturgetreuen Beschreibung des Systems, den Daten für seinen Anfangszustand und der Vorgabe externer Einwirkungen über den interessierenden Zeitraum in Form von mehreren Szenarien ist es dann möglich, die jeweils zu erwartenden Entwicklungen zu bestimmen. Die Computersimulation komplexer Systeme ermöglicht auch eine optimierte Prozesssteuerung. D.h. ein Durchwurschteln oder Herumprobieren am lebenden Objekt ist dann nicht mehr erforderlich und ohnehin nicht zielführend.

Im Gegensatz zu einem von Menschen unberührten Ökosystem ist eine Stadt bzw. Kommune aber immer das Ergebnis von mehr oder weniger bewussten Eingriffen. Sie sind ein unlösbarer Bestandteil der Systembeschreibung einer Stadt oder Kommune. Daher sprechen wir in diesen Fällen auch von einem selbstorganisierten System. Da die Handlungen aber einem freien Willen unterliegen, kann die Zukunft eines Gemeinwesens im ursprünglichen und gebräuchlichen Sinn gar nicht prognostiziert werden. Es gibt immer mehrere Zukünfte bzw. Zukunft ist immer im Plural zu begreifen. Hier müssen unvoreingenommen alle politischen Handlungsmöglichkeiten herausgearbeitet und möglichst wertfrei ausformuliert werden. Erst so entsteht Transparenz und als Sachnotwendigkeiten getarnte Manipulationen und Einflussnahmen werden zumindest erschwert. Das Ganze ist Teil eines demokratischen Willensbildungsprozesses. Dazu müssen allerdings auch die Folgen bekannt sein. Diese Erkenntnisse führen dann wieder zur Änderung der Maßnahmen und/oder der Vorgehensweise. Auch sie wiederum unterliegen einer wertenden Einschätzung etwa in Bezug etwa auf ihre Effizienz und der daraus resultierenden Handlungsfreiheit, Sicherheit, Adaptivität, Solidarität usw.

Die Folgenabschätzung dient nicht nur der demokratischen Meinungsbildung sondern auch zur (besseren) Prozessteuerung. Das schließt eine vorbehaltlose Erfolgskontrolle ein, ohne Rücksicht auf persönliche Empfindlichkeiten oder Sentimentalitäten. Das Controlling bezieht sich ausdrücklich auch auf die eigene Modellbildung und Computersimulation. Sozialisiert in der Luftfahrt und anschließend in der Wissenschaft habe ich diesen Modus schon früh verinnerlicht.

Was wurde bislang erreicht? Während meiner Arbeit im Bereich der interdisziplinären Umweltsystemanalyse an der Uni Kassel hatte ich bereits Ende der 1980er Jahre ein Simulationsmodell für die kleinräumige Bevölkerungs- und Wohnungsbestandsentwicklung einer Stadt bzw. Gemeinde in den Grundzügen entwickelt. Ich wollte unsere gerade entdeckten, grundlegenden Erkenntnisse aus der Erforschung hochkomplexer realer Ökosysteme für die Stadtentwicklung (mein eigentliches Studienfach) nutzen. Konsequenterweise war u.a. der Wohnungsbestand von Beginn an eine korrektive Wirkungsgröße auf die Einwohnerentwicklung, ganz im Gegensatz zu den bis heute vorherrschenden Prognosemodellen, denen ich dann auch keine weitere Beachtung mehr schenkte. Idealistisch und noch etwas naiv ging ich davon aus, dass die wissenschaftlich fundierte und streng logische Systembeschreibung und Computersimulation diesem undemokratischen und reaktionären Dilettantismus rasch ein Ende bereiten würde. Jedoch beherrschen noch heute Komplexreduktionen und willkürliche meist lineare Fortschreibungen weltweit u.a. die Bevölkerungsprognosen (population projection). Sie alle sind arglistige Täuschungen und sind mit demokratischen Grundsätzen unvereinbar. Die Kollegin Cathy O'Neil nennt so etwas treffend „Weapons of Math Destruction“.

Mitte der 1990er Jahre habe mit meinem Büro für angewandte Systemwissenschaften in der Stadt- und Gemeindeentwicklung (damals noch Systemforschung Stadt Land GmbH) das erste Gutachten zur Bevölkerung-, Wohnungs- und Gemeinbedarfsentwicklung im Auftrag einer niedersächsischen Gemeinde erstellt. Dabei kam mein Computersimulationsmodell zum Einsatz. Gemeinbedarf umfasst alle Leistungen einer Kommune, die sie für die Allgemeinheit erbringt: Kinderbetreuung, Schulen, Spiel- und Sportplätze, Altenpflege, Friedhof, Baulandbereitstellung, Wohnungen usw.. Mittlerweile sind es über 70 Gutachten und noch weit mehr Computersimulationen von Städten und Gemeinden. Das Simulationsmodell wurde dabei stetig weiterentwickelt. Meine Systemanalyse, Modellbildung, Computersimulation und Folgenabschätzung ist im Bereich der Bevölkerungs-, Wohnungs- und Gemeinbedarfsentwicklung einer Stadt bzw. Gemeinde weitestgehend ausgereift, dokumentiert auf mittlerweile rund 30.000 eng beschriebenen Seiten meiner zahlreichen Gutachten und Expertisen. Schwerpunkt der Entwicklungsarbeit ist derzeit die Optimierung der Prozesssteuerung einer Stadt. Dazu gehört u.a. die Abstimmung der Siedlungs- mit der Gemeinbedarfsentwicklung (insbesondere Kinderbetreuung und Grundschulen). Konkret geht es darum, den Wachstumsprozess einer Stadt nachhaltig so zu optimieren, dass insbesondere ein „Overbooming“ verhindert wird. Ebenso gilt es den, wie ich sage, Suizidalmodus des so genannten demographischen Wandels zu verhindern, bei dem aufgrund der erheblich mangelhaften Prognosen angeblich alternativlose und zwingend notwendige Maßnahmen erst den prophezeiten Niedergang einleiten bzw. aggressiv forcieren.

Abgesehen von einigen dreisten Plagiatsversuchen und dem noch häufigeren „Copy-and-Past“ meiner Arbeiten ohne Angaben der Quelle ist es mir aber nicht gelungen, diese Methode im wissenschaftlichem Betrieb oder bei übergeordneten Administrationen zu etablieren. Die üblichen Prognosen eigenen sich offensichtlich viel zu gut und viel zu einfach zum Machtmissbrauch. Das ist für mich unbefriedigend aber für „meine“ Kommunen insofern von Vorteil, da sie sich im Wettbewerb so einen erheblichen Wissensvorsprung sichern können (und das mangels offizieller Würdigung meiner Innovation und Leistung zudem sehr kostengünstig). Was ansteht, ist die engere Einbindung der technischen Infrastruktur (Tiefbau) und insbesondere dem Verkehr. Hier gibt es leider noch immer große Vorbehalte und Berührungsängste zu den eher politischen und sozialen Themen bzw. Schnittstellen. Einiges wurde also schon erreicht, aber es gibt auch noch viel zu tun.

Wie sollte eine neue Stadt- und Gemeindeentwicklung aussehen? Zunächst müssen wir endlich weg von dem altertümlichen Klassifizieren und Ordnen, den Fachgebietsegoismen, der Beschränkung der Folgenabschätzung auf „Natur und Landschaft“ (dem Ablasshandel) und der Vernachlässigung ökonomischer und insbesondere der sozialen Folgen sowohl bei der angebotsorientierten wie auch bei der vorhabenbezogenen Planung. Ziel ist ein tiefergehenderes Verständnis über das Gesamtsystem Stadt, seiner Wirkungszusammenhänge und inhärenten Prozesse. Anzustreben ist eine teamorientierte gemeinschaftliche Prozesssteuerung des anpassungsfähigen selbstorganisierten komplexen dynamischen System Stadt bzw. Kommune im Interesse der Bürgerinnen und Bürger, transparent und demokratisch. Dazu sollten die Möglichkeiten und Kenntnisse der angewandten Systemwissenschaften genutzt werden. Die Modellbildung und Computersimulation ist dabei ein mächtiges Werkzeug zur erfolgreichen Prozesssteuerung und Verwirklichung der demokratisch legitimierten politischen Ziele.

Peter H. Kramer
im Dezember 2019

 

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